mike in digitalien

Hat das Web eine Zukunft?

() Man hört in letzter Zeit ziemlich oft die Meinung, dass das Web, wie wir es kennen, ein Auslaufmodell sei. Entweder werden Apple, Facebook Google oder ähnliche Firmen die Benutzer in einen goldenen Käfig stecken und vom freien Web abschirmen oder aber alles läuft nur noch über Apps, und kein Mensch setzt sich mehr vor einen Desktop Computer, um Webseiten in einem Browser anzuschauen.

Das mag bis zu einem gewissen Grad so kommen. Apple, Facebook und Konsorten geben sich alle Mühe, uns das Leben so leicht wir möglich zu machen und uns genau das zu servieren, was uns gut tut. Und mobile Apps sind eine tolle Sache. Informationen da abrufen, wo ich bin, genau dann, wenn ich sie brauche - was könnte nützlicher sein?

Aber wer nur davon redet, vergisst eine sehr wichtige Sache: Das Web ist nicht bloss eine virtueller Boulevard, auf dem man seine Freunde trifft und mit ihnen plaudert. Und nicht jeder ist immer unterwegs. Es gibt auch Leute, die konzentriert arbeiten. Sie sitzen an einem Arbeitsplatz und brauchen Zugriff auf gespeichertes Wissen, auf Daten und Dokumente. Für solche Leute ist das Web eine riesige Bibliothek, ein gigantischer Aktenschrank, ein schier endloses Archiv. Im Web liegen Milliarden von Dokumenten. Die meisten davon gehören weder Flickr noch Tumblr, weder Facebook noch Apple, sondern zahllosen Individuen, Firmen und Institutionen. Sie sind erschlossen durch Suchmaschinen. Ohne Suchmaschinen würden die Milliarden Dokumente schnell zusammenschrumpfen auf die paar hundert, die man zufällig kennt oder irgenwann einmal gefunden hat. Soziale Netwerke und mobile Apps sind keine Alternative zum fortwährenden Abgrasen und Indizieren von Dokumenten.

Nehmen wir an, ich möchte wissen, von wem der Satz «Как странно жизни караван проходит» stammt und was er bedeutet. Da kann ich natürlich in meinem sozialen Netzwerk fragen, aber die Chancen, sind gering, dass Antwort kommt - es sei denn, einer meiner Freunde tut das, was ich ohne lange zu überlegen auch tue: Er googelt den Satz und wird innerhalb von Sekunden fündig. Der Satz entstammt der russischen Übersetzung eines Vierzeilers von Omar Chajjam und bedeutet in etwa: Das Leben gleicht einer Kamelkarawane, die an dir vorbeizieht und sich nicht gross kümmert, wie du dich fühlst und wie es dir ergeht.

Es muss gar nicht so etwas Exotisches wie die russische übersetzung persischer Vierzeiler aus dem Mittelalter sein. Im Web finde ich auch die Gebrauchsanleitung für meinen 8 Jahre alten WLAN Router oder meine Digitalkamera. Ich kann (wahrscheinlich) die heiligen Bücher aller Schriftreligionen in Original und Übersetzung finden, Songtexte, Kochrezepte, Reiseberichte, Meisterwerke der Weltliteratur, deren Copyright abgelaufen ist, Sammlungen von Sprichwörtern, Wörterbücher obskurer Dialekte, dazu Rezensionen und Analysen, Zusammenfassungen, Synopsen ...und, und, und.

Sobald man mit Texten arbeitet, aber es können genausogut Zahlen, statistische Daten, Inventare, Listen von irgendwelchen Dingen sein, dann kann man heute nur schwer auf das Web als Dokumentenablage verzichten. Und ich vermute, man wird es auch morgen nicht können. Das heisst, wir werden noch sehr lange ein Web brauchen, auf das wir mit einem Apparat mit genügend grossem Bildschirm zugreifen können und dessen Inhalt in irgendeiner Weise rasch und treffsicher durchsuchbar ist. Das ist nicht glamourös, aber ungemein nützlich.